Klitzekleine Buchstaben, alle einzeln!

Angeregt durch
* meine Bildersucht nach letterpress,
* mein Interesse für Bücher jeglicher Art,
* den Wunsch irgendwann das theoretische Wissen von Typografie, das ich im Studium        gelernt habe, auch echt und wirklich zu verstehen,
* eine liebe Karte meiner lieben Astrid aus Berlin, die sie selbst gesetzt hat und von der        ich euch noch gesondert erzählen werde

* und zu guter Letzt vielleicht auch immer auf der Suche nach einer Zukunft und guten Dingen in meinem Leben kam ich auf ein Seminar, dass sich schlicht und einfach „Handsatz“ nennt.

Da spontane Sachen auch gute Sachen sind, war ich dann schon gestern auf dem Seminar. Es war eine Einführung in das Setzen von Schrift im Handsatz und anschließend konnten wir unseren kleinen Text auf einer Handpresse drucken.

Ich lernte viele kleine Bleilettern kennen, versuchte mich in dem System der Schlichtung zurechtzufinden, hörte von neuen Begriffen: Fisch, Quadroten, Brotschrift und vielen etlichen mehr, die auf ein erdiges, gleichzeitig feinfühliges und sehr humorvolles Handwerk deuten.
So sah der „Arbeitsplatz“ aus, an dem ich da werkeln durfte. Die einzelnen Lettern werden Zeile für Zeile gesetzt, spiegelverkert, von links nach rechts, auf dem Kopf stehend in einen Winkelhaken, den man sich zuvor auf sein Maß eingestellt hat. Dieses Maß muss immer voll sein, das nennt man „Ausschließen“ und danach hebt man mit dem Durchschuss die Zeile auf sein „Schiff“. Ach, es ist einfach so herrlich.
Sieht so toll aus. Man bekommt auch ganz schwarze Fingerkuppen davon.
Des Buchsetzers Werkzeug.

Jeder Bleiletter hat eine Signatur, diese muss im Winkelhaken immer noch oben zeigen und wird hier auch vom Daumen gehalten.
Herrlich schön, schön schön.
Wir setzten in der Original Baskerville-Antiqua in 12pt Schriftgröße.
Dann wurde mein Werk zu einem Satz ausgebunden, auch hier gibt es natürlich wieder knifflige Tricks und einen nicht minder-schönen Knoten.
Und dann ging es mit dem ausgebundenen Satz zum ersten Mal zur Handpresse um einen ersten Abzug zu machen und einmal Fehler zu sehen und Korrekturen zu machen.
Es ist wirklich handgemacht, und das ist ein wunderschönes Gefühl.

„Handwerk hat goldenen Boden“ sagt mir ein Freund öfter am Telefon. Er meint es immer kryptisch und ausschweifend. Aber genau dieser Satz fiel mir in meiner Glückseligkeit am Heimweg vom Seminar ein. Etwas begreifen und selbst machen und vor allem endlich richtig verstehen, einen anderen Blick auf Schrift zu bekommen und Leute kennenlernen, die sooo viel wissen und erzählen können!

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9 Antworten zu Klitzekleine Buchstaben, alle einzeln!

  1. Peter schreibt:

    Welch wunderbarer Beitrag! Und stell dir vor, das habe ich mal gelernt, 4 Jahre lang, long time ago! An der Schlussprüfung mussten wir beim glatten Satz 1450 Buchstaben in einer Stunde schaffen – Blocksatz, notabene; da musste man sich ganz schön ranhalten und konzentrieren können und durfte sich keine oder nur wenige Fehler erlauben. Und auch das Ablegen gehörte dazu: jeder einzelne Buchstabe wieder zurück in das jeweilige Fach im Setzkasten spedieren, und zwar schnell und fehlerfrei! Das Setzen und Ablegen ging aber mehr oder weniger blindlings, denn welcher Buchstabe wo zu finden ist, lernte man auswendig.

    Ja, damals hatte man noch etwas in den Händen beim Arbeiten – das waren die guten, alten, schönen Zeiten…! 😉

    • sammelsuri schreibt:

      Das glaub ich jetzt aber nicht! Und wieder steh ich da mit offenem Mund vor lauter Staunen. Nun ist mir alles absolut klar, warum und weshalb du dich mit Wörtern so gut auskennst! Irre, Wahnsinn und alles was du über deine Abschlussprüfung geschrieben hast, verstehe ich nun und kann ich mir vorstellen 😉 Wissen ist etwas Wunderbares.

      Mir tun nun alle Fehler leid, denen ich dich ständig aussetze. Sogar in diesem Kommentar 😉 Kümmer mich jetzt um mein Staunen und geh mich erfürchtig wundern vor dir!

      • sammelsuri schreibt:

        hab ich ehrfürchtig geschrieben? ich meine natürlich:

        E H R F Ü R C H T I G S T

      • Peter schreibt:

        Uiiiiiiiii, da werde ich ja ganz rot vor Verlegenheit! Nun, ehrfürchtig(st) staunen brauchst du aber wirklich nicht, der Umgang mit Bleisatz ist ja keine Hexerei sondern absolut lernbar. Mit einem guten Sprachgefühl wird es einem allerdings schon etwas leichter gemacht, denn ein „Korrekturprogramm“ gibt es da ja nicht – wenn du mitten in einem Absatz Fehler korrigieren musst, hat dies oft in jeder einzelnen Zeile bis zum Abschnittsende Konsequenzen. Ja, ich könnte da natürlich noch viel darüber erzählen…

        Doch was wir an der Prüfung machen mussten, eben eine Stunde lang glatten Satz erstellen, war nicht Alltagspraxis, sondern eine „Prüfungsschikane“. Der reine Handsatz beschränkte sich damals auf Akzidenzdrucksachen wie Briefblätter und Visitenkarten, und auch dann nur bei speziellen Schriften. Im Normalfall „verarbeitete“ man als Schriftsetzer Maschinensatz (gegossene Zeilen oder Einzelbuchstaben). Doch ein Flair für Grammatik, Schriften und Gestaltung musste man für diesen Beruf schon mitbringen – und dies kommt mir in meiner jetzigen Tätigkeit sowie auch beim Korrekturlesen von gewissen Abschlussarbeiten, usw. heute noch zugute… 😉

  2. Astrid schreibt:

    Liebe Dagmar, wie großartig, dass du nun auch den Bleisatz ausprobieren konntest! Mir scheint, du hast auch ganz viel Theorie/Begriffe/Geschichte noch zusätzlich gelernt bei dem Seminar, das ist toll! Du musst mir beim nächsten Treffen unbedingt ausführlicher davon erzählen 😉
    Wo fand denn das Seminar statt und wer hat es veranstaltet? Eure Werkstatt scheint gut erhalten, die Schubladen wie neu, sogar mit rotem Einlegeboden, und der Raum gemütlich mit Holzdecke, den Bilderrahmen an der Wand und so schön geordnet. In unserer Werkstatt waren vor ein paar Jahren noch sämtliche Lettern in einer Lade zusammengeschmissen und es brauchte laut Erzählungen 6 Jahre Aufräumarbeit von der ersten, enorm engagierten, und nun schon 1-2 Jahre Arbeit der zweiten, ebenfalls sehr passionierten Werkstattleiterin, um zu ordnen, zu strukturieren, zu reinigen, Schriften zu recherchieren und alles wieder benutzbar zu machen. Aber jetzt ist es wieder ausgezeichnet zum Arbeiten, finde ich.
    Meine Bleisatzwerkstattfrau sagte letztens: „Bleisatz ist auch Mathematik und ein bisschen auch wie Tetris. Desto logischer ich denke und alles in „K“ mir überlege und möglichst immer gleiche Blöcke mache, desto einfacher tue ich mir und desto schneller bin ich.“ Wir als Anfänger haben natürlich zu Anfang gedacht: Füllen wir einfach alle Zwischenräume irgendwie auf, kreuz und quer. Peter wird jetzt bestimmt die Augen überdrehen *hihi* Ich hab großen Respekt vor denen, die Bleisatz wie im Schlaf machen und so viel wissen und gelernt haben. Großartig!

    • Peter schreibt:

      Auch ich würde heute, viele Jahre weg vom Bleisatz, meine liebe Mühe damit haben! Doch ich finde es super, dass sich immer mehr Leute für die Geschichte und die früheren Formen des Schriftsatzes interessieren und sich damit vertraut machen wollen, und dass es Werkstätten und Ateliers gibt, wo dieses traditionelle Handwerk noch erlernt werden kann.

      Doch tempi passati – ich jedenfalls möchte nicht mehr zurück und traure den Bleisatz-Zeiten nicht wirklich nach! Obwohl: das was uns der PC heute punkto Typographie und Schriftenvielfalt ermöglicht, hat oft auch seine Schattenseiten, wenn Laien dahinter sind… 😉

  3. sammelsuri schreibt:

    Oh, ich bin ganz traurig, wollte noch einen Folgekurs machen, in dem wir Blocksatz setzen gelernt hätten und dann etwas Freies: zB ein Gedicht, einen Gutschein, eine Karte…. und dazu kam es nicht und ich hab diesen Samstag also frei 😦 Es gibt viel zu wenig solcher Bleisatzwerkstätten. Aber kein Wunder, wenn die oft jahrelang mühsam zusammengeräumt werden müssen! Es war auf jeden Fall eine großartige Erfahrung und es wird noch nachwirken.

  4. MZS schreibt:

    Das liest der praktizierende Schweizerdegen ja mit Vergnügen, vielen Dank! Wo befindet sich denn diese so vorbildlich aufgeräumte Werkstatt? Die Baskerville begegnet einem im Bleisatz nicht allzu häufig, glückliche Auswahl!

    • sammelsuri schreibt:

      Es freut mich, wenn meinen Beitrag jemand mit so viel Vergnügen liest, wie ich ihn erlebt habe.
      Die Werkstatt befindet sich hier in Österreich und alleine ein Besuch auf der Webseite von Michael Karner bietet einen vielfältigen Schatz an Artikeln zum Buchdruck, Schriften, Typographen …

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